Ein Kommentar zur Prostitutionsdebatte: Mitleid ist eine Waffe

Vor ein paar Tagen veröffentlichte Alice Schwarzer in ihrem Magazin EMMA einen Appell gegen Prostitution. Damit bringt sie ihre alte Forderung zur Abschaffung der Sexarbeit wieder in die Öffentlichkeit. Dieses mal haben ihren Appell auch Personen aus Politik und Gesellschaft unterschrieben, allen voran konservative Politikerinnen und Menschen aus der Populärkultur. Auch die großen religiösen Gemeinschaften unterstützen hier in Form von hohen Funktionsträger*innen. Eine Personengruppe ist aber nicht zu finden: Prostituierte. Und hier liegt die Krux.

Alice, BILD und RTLII

Das Thema Prostitution ist mit sehr vielen Mythen behaftet und es erzeugt schnell radikale Gefühle. Wir sollten jedoch versuchen etwas nüchterner auf die Sexarbeit zu schauen. Alice Schwarzer macht genau das Gegenteil: „Weltweit sind Frauenhandel und Prostitution, beides untrennbar miteinander verbunden, heute neben dem Waffen- und Drogenhandel das Geschäft mit den höchsten Profitraten (über 1.000 Prozent). Profit nicht für die Frauen. Selbst die Minderheit deutschstämmiger Prostituierter, oft schon als Kinder Opfer sexueller Gewalt, landet zu über 90 Prozent in der Altersarmut. Ganz zu schweigen von den Ausländerinnen aus der Armuts- und Zwangsprostitution.“< So steht es in der EMMA. Im Stile des Boulevards spricht sie von über 1.000 Prozent Profitrate beim Frauenhandel, ohne das irgendwie zu belegen, es geht ihr nur um die exorbitante Zahl. Ein Mittel, dass sie aus ihrer Arbeit bei der BILD schon kennt. Dann behauptet sie noch, dass die Mehrheit der Prostituierten aus dem Ausland stamme, warum eigentlich? Diese natürlich alle aus der Armuts- und Zwangsprostitution. Die „deutschen“ Prostituierten hingegen wurden laut Schwarzer oft als Kinder missbraucht und über 90 Prozent landen angeblich in der Altersarmut. Damit hat Alice Schwarzer auf der reaktionären Klaviatur von Blut, Sperma und Elend gespielt, wie selten zuvor. Jetzt muss nur noch Stefanie zu Guttenberg auf RTLII mit der Kamera zur Befreiung aller Sexarbeiter*innen schreiten. 

Appell für Prostitution

Viele Sexarbeiter*innen fühlen sich von der EMMA beleidigt und entwürdigt, deswegen haben sie eine Gegenkampagne gestartet, den Appell für Prostitution. Im Gegensatz zum Appell gegen Prostitution, kommen hier Sexarbeiter*innen, auch ehemalige zu Wort. Prostituierten-Selbsthilfegruppen, Aids-Hilfen und Sozialarbeiter*innen haben diesen Appell massenweise unterstützt. Besonders bemerkenswert ist, dass auch der Verein Menschenhandel heute mit unterzeichnet hat. Diese beiden Appelle prallen wie zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite, konservative Feminist*innen und das (nennen wir es mal) mittlere Bildungsbürgertum. Auf der anderen Seite, sind es die Betroffenen selbst, ihre Gruppen und Vereine, sowie Grüne, Linke und Piraten. Es ist auch ein Kampf zwischen Bevormundung und Selbstbestimmung.

Das Problem heißt Kapitalismus

Alle Menschen sollten selbst über ihren Körper bestimmen können. Aber genau das will EMMA Sexarbeiter*innen absprechen, mit dem Argument, sie würden schon jetzt nicht darüber selbst bestimmen können. Alice Schwarzer degradiert Prostituierte zu unmündigen Kindern. Die Frage, wie viel Freiwilligkeit im Anbieten des eigenen Körpers für sexuelle Handlungen steckt, ist berechtigt. Aber es ist unmöglich und eben diskriminierend diese Frage ohne die Betroffenen selbst zu beantworten. Hier stellt sich natürlich die Systemfrage. Wie freiwillig kann Arbeit im Kapitalismus eigentlich sein? Gerade, wenn sogar das Intimste, die Sexualität selbst angeboten wird. Viele Menschen machen ihren Job nicht, weil sie ihn gerne machen, sondern nur, weil sie damit Geld verdienen. Um diesen Zwang zu durchbrechen, müsste – innerhalb des Kapitalismus – ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt werden, das wirklich vor Armut schützt und für alle gilt. Nur so würden wir sehen, wie viele Menschen sich noch freiwillig prostituieren oder einer anderen Tätigkeit nachgehen. Auch heute gibt es schon viele Sexarbeiter*innen, die ihren Beruf gerne ausüben. Für viele ist das nicht nachvollziehbar, aber sie selbst behaupten es.

Gegen Zwang und für Selbstbestimmung

Beide Seiten, die Gegner*innen und die Befürworter*innen der Sexarbeit, sind sich darin einig, dass Zwang zu verurteilen und zu verfolgen ist. Menschenhandel und Zwangsprostitution müssen hart bekämpft werden. Aber es bleibt die Frage, was passiert, wenn Prostitution als Solches verboten wird oder die Freier*innen bestraft werden. Jede Restriktion in diesem Bereich müssten wohl die Sexarbeiter*innen ausbaden. Wenn der Kauft von Sex verboten wird, werden die Freier*innen die Prostitution ins Illegale mitziehen. An Orte, wo Prostituierte keine Rechte haben. Das Leben der Sexarbeiter*innen würde viel schlimmer werden als heute. Obwohl die Motive der Gegner*innen der Prostitution vielleicht ehrenhaft sind, faktisch werden sie zu Feind*innen der Frauen und Männer, die Sex für Geld anbieten. Genau der Menschen, denen sie angeblich helfen wollen.

Feminismus muss solidarisch sein

Wir alle müssen die Rechte und die Lebenssituation von Sexarbeiter*innen stärken. Die Polizeibefugnisse dürfen nicht noch ausgeweitet werden. Es braucht mehr Weiterbildungsangebote und mehr Aufklärung schon in der Schule. Prostituiere müssen raus aus der Schmuddelecke und rein in die Öffentlichkeit. Außerdem muss der institutionelle Rassismus gegen Ausländer*innen und Migrant*innen bekämpft werden. Sie müssen auch ohne Angst vor Abschiebung in der Bundesrepublik leben können. Alle Menschen müssen lernen, dass sie selbstbestimmt über ihren Körper entscheiden können, egal, was der Ehemann dazu sagt, der Freier oder irgend eine privilegierte Feministin. Feminismus muss solidarisch und antirassistisch sein. Nur so kann die Unterdrückung und Bevormundung beendet werden. Prostituierte brauchen kein Mitleid, sie müssen endlich an allen Prozessen beteiligt werden, die sie angehen.

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3 Gedanken zu “Ein Kommentar zur Prostitutionsdebatte: Mitleid ist eine Waffe”

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